Objekt des Monats

August 2018 – Von Souvenirs für Jedermann

Oder ein „Souvenir“® für den VEB Decenta Döbeln®

Parfüm-Flakon „Souvenir de luxe“® mit Umverpackung, EdC, 15ml; VEB Rosodont-Werk Waldheim®, Waldheim/ Deutsche Demokratische Republik, zwischen 1955 bis 1964

Sammlung Monika Jürgens-Winefeld/ Schenkung 2016

Ein irisches Sprichwort sagt, „wenn Du in der Jugend keinen Spaß hast, wirst Du ihn im Alter auch nicht haben“. Und wahrlich, die Jugend in den Nachkriegsjahren hatte in punkto Spaß einiges nachzuholen! Quasi über Nacht waren biedere Tänze out. Stattdessen eroberten der amerikanische Rock´n Roll, Boogie-Woogie und die Jeans das Parkett. Obwohl die reifere Gesellschaftsschicht traditionellen Werten verhaftet blieb, ging sie zwangsläufig mit der neuen Zeit. Ungebrochen beliebt blieb sowohl bei Alt als auch Jung der deutsche Schlager, der auf bundesdeutschem Gebiet beispielsweise mit „Spaßvogelsängern“ wie Bill Ramsey (*1931) aufwartete. Dessen deutsche Version des ursprünglich amerikanischen Titels „Souvenirs“, eroberte ab Juni 1959 die deutschen Top 30. Abgesehen von der Septemberlistung in der Jugendzeitschrift „Bravo“®, landete der Song mit Foxtrott-Rhythmus im Oktober für sechs Wochen auf Platz eins in den deutschen Charts. Obschon der Titel in den US-Charts lediglich Platz 111 belegte, bewies das deutsche Musiklabel Polydor® mit dem Nummer-eins-Hit ein sicheres „Näschen“ und reagierte damit auf die einsetzende Tourismus- und Reiselust der Deutschen in den südlichen Mittelmeerraum.

Weitaus unspektakulärer erging es ein paar Jahre zuvor einem völlig anderen Klassiker, der witzigerweise den fast identischen Namen „Souvenir“ trug. Tatsächlich hatte die Deutsche Demokratische Republik die Nase vorn – zumindest im Fall des Damen-Parfüms „Souvenir“® aus dem sächsischen Waldheim. Vermutlich war es das Geschmacksmusterregister des Amtes für Erfindungs- und Patentwesen (AfEP) – mit Sitz in der Ost-Berliner Mohrenstr. 37 b – in welchem die neueste Parfüm-Kreation des VEB Rosodont-Werk Waldheim® am 19. März 1956 erfolgreich eingetragen wurde. Das neunmonatige Hoffen der um 1852 von dem Apotheker und Zahnpasta-Erfinder Adolf Heinrich August Bergmann (*1799-†1858) gegründeten „Fabrik zur Bereitung chemischer Düngemittel“ hatte sich in allen Punkten gelohnt. Verwunderlich war dies allerdings nicht! Schließlich blickte der mittlerweile volkseigene Betrieb auf eine langjährige Tradition von Parfüm-Entwicklungen zurück, deren Niveau durchaus internationale Beachtung fand. Nicht minder zeugen die etwa zeitgleichen Patenanmeldungen der Parfüm-Serie „Patras“® (registriert 1955) oder der im Oktober 1956 folgende „Schwarzer Samt“® für Damen von dem fachlichen Können der Waldheimer Parfümeure.

Ob nun die wachsende Zahl an Patenten oder die gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit ihre Früchte trug – aus unerklärlichen Gründen wurde die Herstellung für „Souvenir“® dem späteren Fusions-Partner VEB Decenta Döbeln® überlassen. Selbstbewusst prangte fortan das Markenzeichen der Döbelner als „Sinnbild der Decenta-Kosmetik – [der] Schmetterling im roten Siegel“, von Etiketten und Umverpackungen, ja selbst geprägt auf Flakon-Verschlüssen des Parfüms. Die vorliegende Ausgabe des Eau de Cologne „Souvenir de luxe“ möchte das Auge aber weitaus sinnlicher erfreuen. So fügt sich der feingliedrige Klarglas-Flakon aus halbautomatischer Produktion des VEB Glaswerk Ernstthal® passgenau in einen dafür vorgesehenen weißfarbenen Köcher. Der geradlinig geschnittene Kunststoffmantel bereichert durch seine filigrane Durchbruchsornamentik im Stil des Art Déco. Eine verspielte Optik, die nicht zuletzt in der Farbharmonie von Schwarz-Weiß-Gold eine zurückhaltende Komponente erfährt. Auch die Kartonage der Umverpackung lässt durch das plakative Damenbildnis die „wilden“ 1920er Jahre erahnen. Die rotgefärbte Pagenkopf-Frisur beweist im Sinne des Zeitgeschmacks Individualität und Sinnlichkeit, Attribute, die dem Parfüm gleichgestellt werden. Das Eau de Cologne mit der blumig-frischen Note blieb dennoch ein Erfrischer einer breiten Käuferschaft, wenngleich die Umverpackung für die bescheidene Füllmenge von 15ml einen Preisaufdruck von 3,75 DM (Deutsche Mark) erhielt. Last but not least, als Letztes, aber nicht als Geringstes klingt einem unverhohlen der Refrain von Bill Ramseys Chart-Hit erneut im Ohr: „Souvenirs, Souvenirs, kauft Ihr Leute, kauft sie ein…“

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 01.08. bis 02.09.2018

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Wissenswertes: Mit dem 3. Oktober 1990 fusionierte das Amt für Erfindungs- und Patentwesen (AfEP) mit dem Deutschen Patentamt. Übernommen wurden dabei nicht nur die 600 Mitarbeiter der AfEP, sondern insgesamt 13,5 Millionen Patentdokumente. Zählten zum 31. Dezember 1990 noch 137.782 Patente zum ursprünglichen DDR-Bestand, so sank deren Anzahl bereits zum 31. Dezember 1994 auf gerade noch 95.663. Allein im Jahr 1994 wurden 16.000 Patente gelöscht, wovon ein Teil vermutlich dem Ablauf der 18jährigen Patentdauer zum Opfer fiel. Auch das Parfüm „Souvenir“® ereilte dieses Schicksal… sowohl die Akte als auch die Geschichte kann somit als vernichtet gelten.

Ausblick: Integration in die neue Dauerausstellung zur Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR, im Jahr 2019.

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Juli 2018 – Von rekord- und luxusverdächtigen Höhenflügen

Oder wie der Eiffelturm vom Etikett verschwand

Haarwasser-Flakon „Paris am Abend“®, 100ml; Thania Kosmetik®, Ostberlin/ Deutsche Demokratische Republik, zwischen 1951 bis 1972

Sammlung Monika Jürgens-Winefeld/ Schenkung 2016

„Enfoncé l’Europe!“ – Europa kann einpacken… das war die Reaktion eines erstaunten Franzosen während der Eröffnungsfeierlichkeit für den Pariser Eiffelturm am 31. März 1889, „…nachdem er fünf Minuten lang mit offenem Munde vor dem Turm gestanden hatte“. So berichtet es zumindest die damalige Presse und teilte uneingeschränkt die Begeisterung der Bevölkerung, die zuvor alles andere als euphorisch den Konstruktionsplänen des französischen Ingenieurs Alexandre Gustav Eiffel (*1832-†1923) gegenüberstand. Es bedarf keiner großen Erklärungen, warum das nach seinem Schöpfer benannte Bauwerk zum Nationaldenkmal erkoren wurde. Alleine seine damalige Rekordhöhe von 312 Metern erregte so viel Staunen, dass in- wie ausländische Ehrenbezeugungen für das „Wunderwerk der ingenieurtechnischen Fähigkeiten“ unvermeidlich blieben. Auch heute noch – weit über 100 Jahre später – hat „la Dame de Fer“ (dt. die Eiserne Dame), wie die Franzosen liebevoll ihren Turm nennen, nichts an Charme und Popularität verloren. Ob nun im Sonnenlicht des Tages oder mit 20.000 Lampen bei Nacht – er gehört gleich den Champs-Élysées oder dem Croissant zum Sinnbild für „le savoir-vivre“ der französischen Lebensart.

Nationalstolz war es dann vermutlich auch, der den französischen Kosmetikhersteller Bourjois® im Jahr 1928 eine Hommage an Paris und sein Wahrzeichen komponieren ließ. Dem Damen-Parfüm „Soir de Paris“® (dt. Pariser Abend) – dessen Etikett im Übrigen eine grafische Darstellung des Eiffelturmes zierte – flogen in Windeseile nicht nur die Herzen der Französinnen zu. Warum aber in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? – Dies hätte durchaus ein treffender Werbeslogan der Berliner Firma Thania-Kosmetik® für deren Damen-Parfüm „Paris bei Nacht“® sein können. Wann und unter welchen Umständen jedoch die Markteroberung dieser Kreation ihren Anfang nahm bleibt ebenso geheimnisvoll wie der Werdegang des Unternehmens selbst. So soll bereits vor 1945 die Parfümerie Thania® der Familie Stark als Hersteller von Flüssigseifen und Parfüms existiert haben. Spätestens mit dem Ortswechsel in die Pistoriusstr. 102, lag um 1966 die kleine Fabrik für Parfüm, Eau de Cologne und Lavendel- und Haarwässer im Ost-Berlin der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik.

Auffallend für die Serie „Paris bei Nacht“® ist sicher nicht nur die Namensgebung, die wohl später lediglich als Kürzel „Paris“® auf den Etiketten endete. Auch das Flakon-Design wechselte je nach staatlicher Zuteilung. Für den vorliegenden Schütt-Flakon kam ein gängiges Modell des thüringischen VEB Glaswerke Piesau® zum Einsatz. Die Welligkeit der Mittelflächen, die Vielzahl eingeschlossener Luftblasen, selbst die unruhige Oberfläche des Klarglases mit dem unebenen Stand verraten mehr als eine halbautomatische Fertigung. Vielmehr veranschaulichen diese Mängel die staatliche Rationierung gegenüber Privatunternehmen durch eine mindere Zulieferqualität. Davon abgesehen wusste Thania-Kosmetik® durchaus mit einfallsreichem Pragmatismus zu vermitteln, was sein Haarwasser „Paris bei Nacht“® wirklich wert war. Da haben wir einerseits das weitere Design-Konzept, angefangen bei dem formharmonisch eingepassten Papieretikett mit geschmackvoller Eiffelturm-Grafik in Blau-Gold, bis hin zur thematisch stilsicheren Strahlenrosette auf dem goldfarbenen Kunststofftop. Andererseits weist der rückseitig auf dem Etikett vermerkte hohe Verbraucherpreis von 4,- (Deutsche Mark?) das Haarwasser regelrecht als Luxusartikel aus. Doch all dies sollte mit der Enteignungswelle im Jahr 1972 ein jähes Ende finden. Vielleicht wurde die Fabrikation von Thania-Kosmetik® einem Berliner Kombinat unterstellt?… Möglich… plausibler erscheint dagegen die Vermutung, dass die Produktion gänzlich dem Vergessen anheimgestellt wurde. In solch radikaler Auffassung sympathisierte der Ministerrat der DDR – wenn auch unbewusst – mit dem französischen Schriftsteller Honoré de Balzac (*1799-†1850): „Provinz bleibt Provinz, sie macht sich lächerlich, wenn sie Paris nachäffen möchte.“

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 28.06. bis 31.07.2018

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Ausblick: Integration in die neue Dauerausstellung zur Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR, im Jahr 2019.

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Juni 2018 – Von hellenistischen und sozialistischen Begehrlichkeiten

Oder das „Alt-Griechisch-Lavendel“® des Günter Habedank

Parfüm-Pumpzerstäuber „Alt Griechisch Lavendel“®; Marell®, Ostberlin/ Deutsche Demokratische Republik, 1950er/ 60er Jahre

Sammlung Monika Jürgens-Winefeld/ Schenkung 2016

Kein geringerer als der altgriechische Naturforscher und Philosoph Aristoteles (*384-†322 v. Chr.) war sich gewiss, dass „das Auftragen lieblicher Düfte auf das Haupt […] das beste Rezept gegen Krankheiten sei“. Ein Beispiel hierfür sei uns durch den geruchsintensiven Lavendel gegeben, den die Griechen nach der syrischen Stadt Naarda in Nardus benannten. Neben kultischen Zwecken – wie dem geflochtenen Schmuck Götter geweihter Jungfrauen ­– hielt der Lavendel Einzug in die Anfänge der Altertumsmedizin. Gegen Blähungen, Menstruationsbeschwerden und dem Lösen von Schleim, empfahl sich beispielhaft Lavendelwein oder -essig. Duftwässer und pflegende Salben sah man hingegen kritisch. Ein um 550 v. Chr. verabschiedetes Gesetz des athenischen Staatsmannes Solon (* wohl 640-† vermutlich 550 v. Chr.) untersagte insbesondere Männern deren Verwendung. Bedingt durch einen ausgeprägten Körperkult, eroberte jedoch das hellenistische Männerego seine Rechte zurück. Im Gegensatz zu der in der Gesellschaft eher untergeordneten Rolle der Frauen, waren es die Männer, die sich zu den elitärsten Abnehmern griechischer Parfümeure entwickelten sollten.

Eine weit schwierigere Odyssee durchlebte dagegen die Kosmetische Fabrik Marell®, deren Anfänge bereits im Dunkel liegen. So ist lediglich bekannt, dass Günter Habedank (*?-†?) sein Unternehmen in den 1930er Jahren gegründet haben muss. Unklar erscheint weiterhin, ob dies zunächst in Dresden oder bereits im späteren Ostberlin geschah, wo sich nachweislich ab 1955 der Firmensitz in der Zionskirchstraße 33 befand. Den relativ raschen Erfolg verdankte der Inhaber offenbar seinem Fleiß, gut gestreuter Regionalwerbung und einer breiten Produktpalette an Schönheits- und Körperpflege, zu welchen unter anderem ausgewählte Parfüms für Damen wie Herren zählten. Aus dieser Kategorie sticht das im Jahr 1952 lancierte „Alt-Griechisch-Lavendel“® hervor. Der baldige Verkaufsschlager sorgte allerdings nicht nur in der Bevölkerung für Begehrlichkeiten. Spätestens mit der Enteignung des Unternehmens im Jahr 1972 übernahm die sozialistisch geprägte Planwirtschaft der DDR-Regierung das Ruder. Immerhin durfte Günter Habedank in der Funktion eines Betriebsleiters verbleiben und versuchte bis zu seiner Verrentung 1975/ 76 auf die nachfolgenden Entwicklungen seines einstigen Eigentums Einfluss zu nehmen.

Ob im Weiteren noch das Eau de Cologne „Alt-Griechisch-Lavendel“® mit „herb-köstlicher“ Note auf dem „Plan“ stand? Wer weiß… schließlich zeichnete sich das Parfüm durch ein kostenintensives Flakon-Design aus transparentem Kobalt-Glas aus. Eine ausgesprochene Steigerung stellt dahingehend ohne Zweifel das hier gezeigte, wohl in den 1950er/ 60er Jahren entstandene Anfangsmodell aus Kryolith-Glas dar. Dieses lichtdurchlässige, aber opake Opalglas, erhält seine Trübung durch Natriumflorid (NaF) und ist in seiner Herstellung recht energieintensiv. Auffällig ist ferner die erfrischende Farbigkeit, die durch eine Handveredelung im Dreiklang von Grün, Gelb und Braun das Auge fordert und mit dem in Siebdrucktechnik ausgeführten, braunfarbenen Schriftzug „Alt Griechisch Lavendel Marell“ korrespondiert. Das sich der halbautomatisch gefertigte Flakon in seiner Formensprache als waschechter Grieche outet, liegt sicher nicht nur an dem abgebildeten ionischen Säulenkapitell des Schriftzuges. Auch der ausladende Gefäßbauch erinnert durch seine kugelige Form an altgriechische Vorbilder. Als Hauptexporteur dergleichen Behältnisse für Palm– und Benöl stieg im 6. Jahrhundert vor Christus der im Nildelta gelegene griechische Handelsplatz Naukratis auf. Den Namen Aryballos erhielt die aus Keramik bestehende Flakonart durch einen Verwahrungsbeutel aus Leder. Am Handgelenk des hellenistischen Athleten getragen, war somit jederzeit seine Körperpflege möglich. Es ist kaum vorstellbar, dass Herr Günter Habedank derlei Anwendungsgedanken für sein „Alt-Griechisch-Lavendel“® hegte. Sicherlich wünschte er sich für seine Kunden vornehmlich sommerliche Freuden… Freude an einem formschönen Flakon und einer spritzigen „Erfrischung für heiße Tage“.

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 04.06. bis 28.06.2018

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Wissenswertes: Sicher nicht nur seiner heilenden Wirkung wegen wurde der Lavendel im Jahr 2008 zur Heilpflanze des Jahres gekürt.

Aber die Pflanze, die einst von den Griechen in ihr heutiges Hauptanbaugebiet in Frankreich gebracht worden sein soll, ist bedroht. Seit Ende der 1980er Jahre kämpfen die dortigen Lavendelbauern gegen ein Bakterium an, das die Pflanze wesentlich schwächt und von einer ca. 2mm großen Zikadenart – den „Cicadelles“ – übertragen wird. Neben der Züchtung resistenter Pflanzenkulturen ruht die Hoffnung der Forscher zwischenzeitlich in der Verwendung von Kaolinit, welches den zunehmend austrocknenden mediterranen Boden beigemischt wird.

Ausblick: Integration in die neue Dauerausstellung zur Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR, im Jahr 2019.

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März 2018 – Von Eheglück und „Storchencreme“

Oder wie der VEB Leipziger Arzneimittelwerk® zum Kinde kam

Creme-Dose „Elasan Creme“® Puder-Dose „Elasan Baby-Puder“® und Informationsprospekt; VEB Leipziger Arzneimittelwerk®, Leipzig/ Deutsche Demokratische Republik, zwischen 1966 bis 1989

Sammlung Monika Jürgens-Winefeld/ Schenkung 2016

„Wo kriegten wir die Kinder her,

wenn Meister Klapperstorch nicht wär?“

Diese Frage, bitte sehr,

stellte kein geringerer,

als Wilhelm Busch (*1832-†1908) der Dichter gar,

über „Meister Adebar“.

Aber bitte, bleiben wir doch bodenständig, denn aller humorvollen Prosa zum Trotz, ist diese Frage doch eine ernste! Spätestens wenn der vorhandene Nachwuchs nach dem plötzlichen Erscheinen des neuen Geschwisterchens die Frage aller Fragen stellt, verfällt der eine oder andere von uns in Erklärungsnöte. Die Mär, dass der Storch die Kinder bringen würde, kommt dann gerade recht, entspricht sie doch – im 18. Jahrhundert herausgebildet – voll und ganz der Tradition. Im Amts- und Intelligenzblatt für die Oberamtsstadt Kirchheim unter Teck aus dem Jahr 1854 heißt es, der große, kräftige Vogel sei „seit uralter Zeit den Eheleuten als Musterbild des häuslichen Glückes vorgestellt“. Demnach galt er als Bote des Eheglücks, sobald er sich im Frühjahr aus dem Süden kommend, als Pärchen auf dem Dache niederließ. Dies erklärt auch den in Fabeln gebräuchlichen „Künstlernamen“ „Adebars“, der sich aus dem althochdeutschen Wort „Auda“ für „Glück“ und der Silbe „bar“ für „tragen“ oder „bringen“ zusammensetzt. Interessant erscheint in dem Zusammenhang auch die Verwandtschaft der Silbe „bar“ mit dem Wort „bera“, was mit „Gebären“ gleichzusetzen ist. Das sich der Storch als Froschfeinschmecker mit Vorliebe an flachen Gewässern aufhält, kam dann schlichtweg den Vorstellungen alten deutschen Volksglaubens zu Gute, der im Wasser die Heimstatt der Kinderseelen sah.

Wie letztlich der Storch zum Kinde kam, wird sicher aufgrund zahlreicher Theorien im Dunkeln bleiben. Gewiss ist hingegen die Tatsache, dass im Jahr 1966 der VEB Leipziger Arzneimittelwerk® innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik alleiniger Hersteller für Babypflegemittel wurde. Den Anfang bildete eine Creme mit abdeckender Wirkung in einer tiefblauen Flachdose, geziert durch einen weißfarbenen Storch. Damit war der Wiedererkennungswert des Produktes gegeben, welches umgangssprachlich den Kosenamen „Storchencreme“ erhielt. Zwei Jahre danach wurde die nunmehrige „Elasan-Creme“® mit einer neuen Rezeptur versehen und schrittweise durch „Elasan-Babypuder“®, „-Babyöl“®, „-Gel“®, „-Milk“®, „-Zartcreme“®, „-Babyseife“® und „-Babybad“® ergänzt. Mit dieser Palette an Pflegepräparaten war faktisch ein umfassender Schutz geboten, der laut Herstellerinformation durch „die unterschiedlichen Zusammensetzungen und Anwendungsformen [.] allen Pflegeansprüchen von Säuglingen und Kleinkindern gerecht“ wurde. Im ständigen Sortiment von Drogerien und Kaufhäusern vorhanden, griffen bei überempfindlicher Haut und Parfümunverträglichkeit auch gerne Erwachsene zu „Elasan“®. Nicht zu vergessen sind hierbei wohl auch finanzielle Aspekte, da Artikel für Kinder in der DDR hochsubventioniert waren. Im Vergleich kostete eine Flachdose „Elasan-Creme“® mit einem Verkaufspreis von 2,- Mark, ganze 50 Pfennige weniger als die über die Landesgrenzen hinaus bekanntere „Florena-Creme“®. Ähnlich dieser war auch das Farbkonzept der „Elasan“®-Pflegeserie in der Farbkombination weiß-blau gehalten. Wobei das Blau eher einem Himmelblau glich und so im direkten Bezug auf das luftige Gefilde des Weißstorches stand. Das ist aus dem Grunde erwähnenswert, weil anstelle des aufgedruckten Storches, schon bald das filigran-verspielte „Elasan“®-Logo trat. Über Generationen hinweg hatte dieses Designkonzept bestand und existierte unverkennbar bis zum Ende der sozialistischen Staatsform.

Was die hier gezeigten Pflegeartikel außerdem verdeutlichen, ist die Wertstellung recycelbarer Rohstoffe in der DDR. Während die zylindrische Puderdose aus Pappe und einem Metallboden besteht, ist die runde Flachdose der Creme vollkommen aus Weißblech gefertigt. Derlei knappe Wertstoffgüter wurden nach Gebrauch der Wiederverwertung zugeführt. „Moderne Alchemisten können aus Müll Geld machen“, formulierte der Thüringer Aphoristiker Helmut Glaßl (*1950) treffend und hat Recht. Der ostdeutsche Staat sparte durch dieses Handeln nicht nur Finanzen, leistete außerdem wirtschaftsorientierte Pionierarbeit der anderen Art.

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 01.03. bis 02.04.2018

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Wissenswertes: Der VEB Leipziger Arzneimittelwerk unterstand dem seit 1979 bestehenden VEB Pharmazeutisches Kombinat GERMED Dresden. Die Wortmarke GERMED stand ursprünglich für die Bezeichnung „GERman MEDicaments“. Im Jahr 1980 bestand der Kombinat aus 13 Firmen mit insgesamt 3.600 Beschäftigten. Die „Elasan“®-Produkte werden mit neuem Design seit dem Jahr 2000 durch die Riemser Arzneimittel AG hergestellt, die ihren Sitz in der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern hat.

Medien: In der DDR gab es bis 1976 auch Fernsehwerbung, die in der Werbesendung Tausend-Tele-Tips gezeigt wurde. Elasan dufte da selbstverständlich nicht fehlen!

Ausblick: Integration in die neue Dauerausstellung zur Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR, im Jahr 2019.

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Februar 2018 – Von gescherten und gescheiterten Köpfen

Oder „Comanat® – oh welche Zier, niemals lass ich ab von dir!

Haarwasser-Flakon „Comanat“® mit Beipackzettel und Umverpackung; VEB Comanat Haus Magdeburg®, Diesdorf/ Deutsche Demokratische Republik, zwischen 1964-1967

Sammlung Monika Jürgens-Winefeld/ Schenkung 2016

„… es ist alles ganz eitel“, so steht es geschrieben im „Buch der Bücher“ – der Bibel (Pred 1,2). Dennoch mag sich im wahrsten Sinne des Wortes so mancher Mönch erleichtert vorgekommen sein, als er mit einsetzendem, schütterem Haupthaar seine Tonsur (lat. tonsura, „scheren“) erhielt. Doch eine kurze oder gar geschorene Haartracht war nicht jedermanns Sache. Als „G´scherter“, wie es heute noch im Bayerischen abwertend heißt, wollte sich kein Mann von Rang und Namen schimpfen lassen. Die Gentiluomi (ital. „Gentleman“) der frühen Neuzeit standen daher in der Vielfalt der Damenhaartrachten in nichts nach, wenngleich einige „ältere“ Herren unverhohlen zur Schaustellung natürlicher Kahlheit neigten. Jedoch musste Haarausfall nicht zwingend genetischen Ursprungs sein. Alleine die Verwendung opulenter Kopfbedenkungen führte unweigerlich zur Überhitzung und ungenügenden Durchlüftung des Haares. Der aus Siena stammende Leibarzt des römisch-deutschen Kaisers Maximilians II. (*1527-†1576), Pietro Andrea Mattioli (*1501-†1577), empfahl hierauf ein simples Rezept: „So man die Ulme spaltet / Fleußt aus dem Mark ein Feuchtigkeit / dieselbe aufs Haupt gestrichen / behellt das ausfallende Haar / on macht es wachsen …“ Dennoch, so leicht sich das auch anhörte, im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit unterlag die Haarpflege den Regeln der Planetenläufe. So empfahl sich beispielsweise das Schneiden der Haare während eines bestimmten Mondstandes, damit sie schöner nachwuchsen.

Im Laufe der Jahrhunderte sollten noch viele geduldige Männer eine weiter wachsende Anzahl an Haaren verlieren, um gegen den Haarausfall gewappnet zu sein. Ein passendes Mittel – namens „Comanat-Haarwasser“® – eroberte ab dem Jahr 1936 den Markt. Seinem Erfinder und Gründer der Comanat Haus KG® Franz Halier (*?-†?) glückte eine Formel auf Kräuterbasis, die Generationen begeistern sollte. Wie andere Kräuterhaarwässer aus Gerbstoffextrakten, lockerte „Comanat-Haarwasser“® das Haar, stärkte die Kopfhaut und beugte übermäßiger Schuppenbildung wie Talgdrüsenüberfunktion vor. Von wesentlicher Bedeutung war jedoch der speziell entwickelte Vitaminkomplex. Für schwerwiegende Fälle empfahl sich – laut Beipackzettel – das Produkt in kreisenden Bewegungen in das Haar zu massieren und die Anwendung alle zwei Tage zu wiederholen. Frei nach dem hauseigenen Werberuf „Oh Vati! Du musst Comanat nehmen!“, erfreute sich bald das „Comanat-Haarwasser“® nicht nur bei Vätern erhöhter Nachfrage.

Die Zeitspanne während der DDR-Ära gestaltete sich für Comanat® als äußerst turbulent. Neben der Markeneintragung im Jahr 1968 erfolgte zeitweise die Abfüllung als auch der Vertrieb des Haarwassers durch Ernst Lange in Magdeburg. Im Jahr 1972 teilte das Unternehmen schließlich das Schicksal der Vollverstaatlichung… dabei hatte man noch ein Jahr zuvor einträchtig die zehnjährige Staatsbeteiligung und „35. Jahre Comanat-Haarwasser“® gefeiert.

Doch auch mit der Vollverstaatlichung erfreute sich das Haarwasser einer ungebrochenen Beliebtheit. Aufgrund des Wiedererkennungswertes durfte auf den Papieretiketten der ursprüngliche Namenszug in Frakturschrift fortbestehen. Darüber hinaus florierte der Export bis nach Afrika, Asien und Südamerika, was zusätzlich eine englischsprachige Bedruckung der Umverpackung erforderlich machte. In Parallelität existierten zwei unterschiedlich gestaltete Flakons; eine für den Export bestimmte Formvariante und die hier gezeigte für den inländischen Vertrieb. Der aus Braunglas bestehende, halbautomatisch geblasene Schütt-Flakon wurde im thüringischen VEB Glaswerk Fehrenbach® gefertigt. Typisch für diese Art von Flaschen war das konische Design mit seitlichen Buckelungen, für einen verbesserten Halt während der Nutzung. Den Bakelitverschluss als auch die jeweiligen Flachseiten des Flakons schmückte in Reliefform der Schriftzug Comanat®. Dennoch, auch dieses Flakon-Design fiel der fortschreitenden Ermangelung an Rohstoffen und der einsetzenden Vereinheitlichung von Produktionsprozessen zum Opfer, was wenig später einen Ersatz in aalglatter, zylindrischer Flasche nach sich zog. Das Auge brauchte nunmehr nicht mit zu kaufen. Für das zentral aus Ost-Berlin gesteuerte Kombinat zählte alleine die traditionelle Überzeugung des Produkts. Der Volksmund belächelte dies mit Nachsicht, denn „was einem das Schicksal an Haar nimmt, ersetzt es einem an Humor.

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 01.02. bis 28.02.2018

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Wissenswertes: Sehr wahrscheinlich wurde die ursprüngliche Produktionsstätte der Comanat Haus KG® mit dem Luftangriff Magdeburgs vom 16.01.1945 stark beschädigt, da die Produktion des Haarwassers nach dem Zweiten Weltkrieg nach Diesdorf im neugegründeten Bezirk Magdeburg verlegt wurde. Nach der Vollverstaatlichung wurde der erneut in Magdeburg befindliche Produktionsstandort aufgegeben. Es erfolgte eine Verlagerung der Haarwasser-Produktion nach Waldheim/ Sachsen, an dem VEB Chemisches Kombinat Miltitz Florena Waldheim. Nach der politischen Wende fand die Erfolgsgeschichte des „Comanat-Haarwassers“® ihr jähes Ende, die mit der Löschung der Marke „Comanat“® am 26. März 1998 rechtlich besiegelt wurde.

Ausblick: Integration in die neue Dauerausstellung zur Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR, im Jahr 2019.

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Januar 2018 – Von blauvioletten zu goldtopasfarbenen Träumen

Oder das Lavendel-Wasser der Ostberliner

Parfüm-Flakon „Alberna -Lavendel“® als Factice und Foto eines Firmen-Parfümeurs; Alberna Fabrik Kosmetischer Erzeugnisse GmbH®, Ostberlin/ Deutsche Demokratische Republik, 1950er/ 60er Jahre

Ankauf 2016/ 2018

„Lavendel, Minze, Salbei, Majoran, die Ringelblum‘, die mit der Sonn‘ entschläft und weinend mit ihr aufsteht: Das sind Blumen aus Sommers Mitte, die man geben muss den Männern mittlern Alters.“ Die Protagonistin „Perdita“ in der Theaterdichtung „Wintermärchen“ des englischen Dichters William Shakespeare (*1564-†1616) weiß durchaus, von was sie spricht. Als Beispiel sei der Lavendel hervorgehoben, dessen stärkende und erfrischende Wirkung auf Körper und Geist bereits seit der Antike bekannt ist. Wurde einerseits zum Reinigen von Krankenlagern die desinfizierende Wirkung des Lavendels durch Verbrennen der getrockneten Pflanze genutzt, so schätzte andererseits die römische Hausfrau dessen Wohlgeruch von Frische, indem sie Lavendel-Sträußchen zwischen ihre Wäschestapel platzierte.

Unweigerlich verbunden mit der Geschichte des Lavendels ist der französische Landstrich der Provence. Das mediterrane Klima lässt Pflanzen für die Duftgewinnung ungehindert gedeihen. Inmitten diesem „Eldorado“ feiner Nasen, schwang sich das mittelalterliche Städtchen Grasse zum Duftessenzen-Himmel empor. Was einst mit der Parfümierung von Lederhandschuhen begann, erfuhr seit dem 17. Jahrhundert eine Spezialisierung auf Extraktion und Destillation von Pflanzensäften. Wenngleich die im Hinterland noch reichlich vorhandenen blau-violetten Lavendel-Felder das Auge verwöhnen, so darf nicht vergessen werden, dass sich die Moden der Nase längst gewandelt haben. Waren reine Lavendel-Wasser noch bis in die Nachkriegsjahre hinein en vogue, so bildete das aromatische Lavendel-Öl spätestens ab den 1960er Jahren lediglich noch als Kompositionselement einen Abglanz in Fougère und Chypre-Noten.

Wann und wie das seinerzeit in Berlin-Mitte gelegene Kosmetikunternehmen Alberna® entstand und inwiefern dessen Namensbezeichnung tatsächlich auf seinen Begründer Albert Bernhardt (*?-†?) zurückzuführen ist, unterliegt heute lediglich Spekulationen. Eine Tatsache bleibt dagegen, dass neben der schier unerschöpflichen Produktpalette, dass „Alberna Kölnisch Wasser“® und „Alberna Lavendel“® zu den unumstrittenen Verkaufsschlagern des Unternehmens zählten. Damit entsprach die Alberna Fabrik Kosmetischer Erzeugnisse GmbH® voll und ganz dem Zeitgeschmack nach „blütenreiner Frische“. Daran änderte nach dem Zweiten Weltkrieg weder die treuhänderische Verwaltung der jungen Staatsmacht der Deutschen Demokratischen Republik, noch die 1959 erfolgte Eingliederung in den 1954 gegründeten Volkseigenen Betrieb des VEB Berlin-Kosmetik® etwas. Mögen Gründe der Wirtschaftlichkeit vorgeschoben sein… in jedem Falle wurde der in der Kurstraße 35 gelegene Produktionsstandort offenbar recht zeitnah aufgegeben. Das „aus“ der Firma für „Kultur in der Körperpflege“ bedeutete jedoch keines für seine Erfolgsprodukte, wie dem „Alberna Lavendel“®. Dieses wurde unter dem Markennamen Alberna® von anderen volkseigenen Schwesterfirmen weiter produziert.

Die rundum vom Verbraucher geschätzte Qualität fand nicht nur für das Lavendel-Wasser selbst eine Fortführung. Auch der vor Sonneneinstrahlung schützende, goldtopasfarbene Glas-Flakon blieb in seiner langgestreckten Form erhalten; versehen mit einem praktischen Bakelitverschluss. Dagegen wies die hier gezeigte Luxus-Variante eine flache und kantigere Formgebung auf, geziert durch ein rotfarbenes Siegelband und verschlossen durch einen eingeschliffenen Glasstopfen. Eine Vertiefung an der Vorderseite bleibt dem im Umriss gleichgestalteten Papieretikett vorbehalten. Die wappenschildähnliche Fläche – dem Firmenlogo nachempfunden – zeigt ein monochromes Farbkonzept in Brauntönen, mit einer linearen Grafik, die seitlich von stilisierten Lavendelblüten umrahmt wird. Ob der für Werbezwecke vorgesehene Schau-Flakon sowie viele weitere Glas-Flakons der Marke Alberna® vom thüringischen VEB Glaswerk Ernstthal® produziert wurden, muss an dieser Stelle offen bleiben. Denn voller Stolz prangte, eingeprägt auf der Standfläche eines jeden Alberna®-Flakons, der Namenszug „Alberna“ in markanter Schreibschrift. So und nicht anders sollte es sein; ähnlich den Flakons der Modeikone Coco Chanel (*1883-†1971), die einmal passend bemerkte: „Mode ist vergänglich. Stil niemals!“

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 08.01. bis 31.01.2018

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Wissenswertes: Ein weiterer Verkaufsschlager von Alberna® war das „Alberna Kölnisch Wasser“®, das täglich die Gäste des Ostberliner Interhotels „Stadt Berlin“ am Alexanderplatz in 10 ml Flakons auf 1006 Zimmern erfreute. Eine reizvolle Besonderheit war die Hand-Etikettierung dieser Mengen-Ausführung, da sie maschinell nicht möglich war. Auch die durch Alkoholverbot geprägten arabischen Länder konnten durch eine Exportvariante des „Duftes köstlicher Frische“ erobert werden; indem auf Alkoholzusatz verzichtet und die Parfümölkomposition stark reduziert wurde.

An dieser Stelle möchten wir uns bei Herrn Markus Orschel recht herzlich bedanken, welcher uns freundlicherweise das Foto mit Einblick in die Produktion der Alberna Fabrik Kosmetischer Erzeugnisse GmbH® zur Verfügung gestellt hat.

Ausblick: Integration in die neue Dauerausstellung zur Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR, ab Mai 2019.

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Dezember 2017 – Von retrospektiven und prospektiven Festivitäten

225 Jahre „4711 Echt Kölnisch Wasser“®

Parfüm-Flakon „4711 Remix Cologne Anniversary Edition 225 years“®, EdC; Mäurer & Wirtz GmbH & Co. KG®, Stolberg/ Bundesrepublik Deutschland, Mai 2017

Weihnachtsgabe der Mäurer & Wirtz GmbH & Co. KG® 2017

Wie die Geschichte uns lehrt, lag auf westlichen Expansionen nicht immer ein Segen. Ausgelöst durch die regen Handelsbeziehungen mit Asien begann am Ende des 13. Jahrhunderts der „Schwarze Tod“ seine Herrschaft in Europa. Die Humanmedizin erhielt durch die Pest einen neuerlichen Stellenwert, was nicht zuletzt ein aufblühendes Apothekenwesen als auch die Weiterentwicklung der traditionellen Heilkunde in den Klöstern begünstigte. Eine gesonderte Rolle kam hierbei der Destillation hochprozentigen Alkohols aus Wein zu. Ein Verfahren, dessen Kenntnis durch die Kreuzritter vom Orient in die Hemisphäre des Okzidents geriet. Alkohol wurde für medizinische Zwecke und darüber hinaus für kosmetische (seit 1508 von den Dominikanermönchen im Kloster Santa Maria Novella in Florenz auch für parfümistische) Mittel verwendet. Seit dem 17. Jahrhundert ebenfalls bekannt unter dem mystisch verklärten Sammelbegriff der sogenannten Aqua mirabilis (lat. Wunderwasser).

Diese „Universalmedizinalien“ waren jedoch nicht jedem geheuer. Deshalb erließ Frankreichs Kaiser Napoléon Bonaparte (*1769-†1821) im Jahre 1810 ein Dekret, woraufhin alle in Köln befindlichen Kölnisch-Wasser-Produzenten ihre Rezepturen offerieren sollten. Um dem zu entgehen, pries der findige Kaufmann Wilhelm Mülhens (*1762-†1841) – wie auch seine Konkurrenten – daraufhin seine Produkte nicht mehr als Heilmittel, sondern ausschließlich als Erfrischungswässer zur äußerlichen Anwendung an. Einer romantischen Begebenheit und einer unscheinbaren Pergamentrolle verdankte Mülhens® die Entstehung seines wachsenden Parfümhauses. Der Kartäusermönch Franz Carl Cereon Maria Farina überreichte dem frisch vermählten Mülhens®-Paar im Jahre 1792 als Hochzeitsgabe das Schriftstück mit einem Eau de Cologne-Rezept. „Mit Gott und mein Recht“ betitelte der geschäftstüchtige Unternehmer sein „Echt Kölnisch Wasser“ und behauptete sich somit selbstbewusst gegen seine heimische Konkurrenz. Als dann die französische Besatzungsmacht zur besseren Orientierung und postalischen Ordnung noch in ganz Köln die durchlaufende Nummerierung der Häuser vornehmen ließ, konnte das Haus „4711“ in der „Klöckergaß“ (Glockengasse) seinem beispiellosen Weltruf getrost entgegeneilen.

Wer kennt sie nicht, die einstige Eau de Cologne- und Parfümeriefabrik Glockengasse Nr. 4711® in Köln? Nun, für fast jeden dürfte sie ein hinlänglicher Begriff sein. Auch wenn zwischenzeitlich mehrfach die Besitzverhältnisse vom einstigen Familienbetrieb in ein Tochterunternehmen wechselten, die Marke 4711® steht nach wie vor für Kontinuität und Moderne. Doch lässt sich das bei einer geschichtsträchtigen Duftikone wie „4711 Echt Kölnisch Wasser“® so einfach umsetzen? Dieser herausfordernden Fragestellung stellte sich der heutige Markeninhaber Mäurer & Wirtz® zum 225. Jubiläum des „Kölner Wunderwassers“. Für die hauseigene Parfümeurin Alexandra Kalle und die „Firmen-Ich-Nase“ Vincent Schaller bestand die Aufgabe darin, eine limitierte Neuinterpretation zu schaffen, die mit allen Wertefacetten des Originals aufwarten sollte. Das Ergebnis überzeugt nicht nur Skeptiker, sondern trifft gleichfalls neue Geschmäcker, wie sie gewohnte Bewunderer überrascht. Die klassische Eau de Cologne-Architektur von Bergamotte, Zitrone, Orange, Petitgrain, Lavendel und Rosmarin gewinnt durch harmonisch ergänzende Duftakkorde, die sich in einer sanften, eleganten Akzentuierung äußern. „Diese Frische ist weicher und weniger direkt, aber unverkennbar aus der Welt von 4711® Original Eau de Cologne“, bemerkt Alexandra Kalle. Es macht eben die Mischung, die schließlich dem Jubiläums-Parfum „4711 Remix Cologne Anniversary Edition 225 years“® seinen Namen verlieh. Abgesehen von der Nase, bleibt diesem Konzept auch das Auge treu. Die Molanus-Flasche, 1820 von dem im 19. Jahrhundert wirkenden Destillateur Peter Heinrich Molanus entworfen und von Wilhelm Mülhens ab dem Jahr 1822 favorisiert, bleibt bestehen. Während damit der Klarglas-Flakon eine Hommage an die Vergangenheit bildet, zeigt das partiell geprägte Papieretikett eine zeitgemäß dynamische Grafik. Edle Optik in Jubiläumsgold wechselt mit floralen Illustrationen in hoffnungsvollem Rauchgrün auf blütenweißem Fond. In dieser geglückten Kombination bestätigt sich, was wir für die Duftikone „4711 Echt Kölnisch Wasser“® längst wussten: „Schenke von Herzen, doch was es auch sei, 4711® ist immer dabei.“

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 04.12.2017 bis 07.01.2018

Künftiger Standort: Dauerausstellung / Parfümflakons – Eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert

Wissenswertes: Im Jahr 1994 gelangte die gleichnamige Firma durch die Unternehmerfamilie Mülhens® zur Wella AG®, die ihrerseits 2003 von dem amerikanischen Waschmittel- und Kosmetikhersteller Procter & Gamble® übernommen wurde. Das deutsche Traditionsunternehmen Mäurer & Wirtz® erwarb 2006 die Marke 4711® von der Procter & Gamble Prestige Products GmbH®.

Wir möchten an dieser Stelle der Firma Mäurer & Wirtz GmbH & Co. KG® für die Überlassung des Objektes, welches sie uns freundlicherweise für unseren Sammlungsbestand überreichte, unseren Dank übermitteln.

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November 2017 – Von lauten Tönen und sanften Kleinoden

Wenn Flakon-Design auf Film-Kunst trifft

Parfüm-Flakon „Precious Doe“® in Form eines Weißwedelhirsch-Kalbs(?); AVON Products Inc.®, New York City/ Vereinigte Staaten von Amerika, zwischen 1976/78

Sammlung Beatrice Frankl/ Dauerleihgabe Carl August Heinz Stiftung 2012

„Es gibt eine Stille des Herbstes bis in die Farben hinein.“ Kurz und knapp und doch voller Poesie, so schildert der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (*1874-†1929) die Schönheiten der dritten Jahreszeit. Eine Zeit der natürlichen Veränderung und des Abschieds von den sommerlichen Freuden. Aber nicht jeden Tag fällt das Laub leise zu Boden, vor allem dann nicht, wenn ein melodisches „Halali“ durch die Fluren der heimischen Wälder schallt. Der mittelalterliche Ruf der Hirsch- bzw. Parforcejagd kündigt so manchem Rotwild ein nahendes Ende an. Bereits den Kelten war diese Form der Hetzjagd auf den Hirsch nicht fremd. Aber erst im 17. und 18. Jahrhundert erfreute sich die Parforcejagd (franz. par force, mit Gewalt) zu Pferde und einer beachtlichen Hundemeute im Schlepptau größter Beliebtheit unter den deutschen Landesfürsten und den Königreichen Frankreich und Großbritannien. Heute wird versucht, die Beunruhigung der Wildtiere auf ein Minimum zu begrenzen, im steten Wechsel von Ruhephasen mit intensiven Jagdintervallen. Der Abschuss des Wildes soll schließlich lediglich der Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes geschuldet sein.

So oder so, nicht immer fand bzw. findet die Jagd auf Tiere ihre Anhänger. Der österreich-ungarische Schriftsteller Felix Salten (*1869-†1945) etwa betrachtet die Thematik in seinem 1923 erschienenen Tiergeschichte von „Bambi – Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ eher kritisch. Sei es aus Trotz oder gerade aufgrund der geschilderten Brutalität; der US-amerikanische Trickfilmzeichner und Filmproduzent Walt Disney® (*1901-†1966) scheute sich nicht, den emotional aufgeladenen Lesestoff verfilmen zu wollen. Aus dem Rehkitz „Bambi“ wurde kurzerhand ein Weißwedelhirsch-Kalb, das zusammen mit seinem neuen Freund – dem Wildkaninchen „Klopfer“ – das Leben der nordamerikanischen Wälder kennenlernt. Da befürchtet wurde, die heimischen Jäger könnten sich durch den Film angegriffen fühlen, wurde die Weltpremiere vom 8. August 1942 nach London verlegt. Ab 1950 eroberte schließlich Bambi® in Deutschland nicht nur die Kinos, sondern nach 69 Minuten auch millionenfach die Herzen ganzer Familien. Dabei hatte der Film weniger als 1.000 Worte Dialog zu bieten, da sich das Spiel der Tiere vorrangig über Augen, Mimik und passende Musikeinlagen vermittelte.

Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ brachten jedoch nicht nur die Filmstudios der Walt Disney Company® eine Fülle an Tiercharakteren wie „Bambi“ hervor. Auch der US-amerikanische Kosmetikhersteller AVON Productions Inc.® lancierte im Laufe der Jahre eine Vielzahl tierischer Flakons, gefüllt mit duften Naturträumen. Unter ihnen befindet sich auch ein Abkömmling, der einem Weißwedelhirsch-Kalb sehr ähnlich sieht. Niedergekauert blickt es mit seinen langen, aufgestellten Ohren wachsam drein. Zusammen mit anderen figürlichen Flakons wurde der von AVON® als „Precious Doe“ bezeichnete Parfüm-Flakon zwischen 1976 bis 1978 primär für die Parfums „Flowers“ und „Sweet Honesty“ produziert. Im Gegensatz zu seinem silber-metallisierten Nachfolger „Silver Fawn“ aus den Jahren 1978/79 wurde sein Körper aus Klarglas – passend zum Kunststoff-Kopf – mit einem goldgelben Mattlack besprüht. Mag auch für den einen oder anderen diese Naturidylle kitschig wirken, so lassen wir an dieser Stelle mit „Bambis“ Mutter ausklingen: „Es gibt für alles seine Zeit. Wenn das eine vergeht, entsteht etwas anderes. Vielleicht nicht das, das vorher da war, aber dennoch etwas Neues und Wunderbares!“… Wohl sicher kein Jägerlatein!

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 02.11. bis 30.11.2017

Künftiger Standort: „Kindervitrine“ in der Dauerausstellung „Parfümflakons – Eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert“

Wissenswertes: Der Film Bambi® feiert im Jahr 2017 sein 75. Geburtstag. Für die Naturumsetzungen zu Bambi® ließ sich Walt Disney vom deutschen Schwarzwald und dem Bayerischen Wald inspirieren, die er im Jahr 1935 zusammen mit seinem Bruder Roy bereiste. Bevor Walt Disney Deutschland den Rücken kehrte, besuchte er noch das zauberhaft gelegene Schloss Neuschwanstein, das sich einst Bayerns Märchenkönig Ludwig II. am Rande der Alpen hatte errichten lassen. Das Bauwerk beeindruckte den Filmproduzenten dermaßen, dass er es als Vorbild für das Cinderella®-Schloss verwandte und zum Wahrzeichen und Logo für die Walt Disney Company werden ließ.

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Oktober 2017 – Von Chloroform für die Queen und Reiseapotheken für das Volk

Das British Empire im Streit um Eleganz und Gesundheit

Englische Reiseapotheke, bestehend aus einem Lederkoffer, mit 12 Flakons, Schönheitspflaster, Federkielen und einer Balkenwaage mit Feingewichten; u.a. Savory & Moore®, Bradley & Bourdas®, Blake, Sandford & Blake®, London/ Vereinigtes Königreich Großbritannien und Irland, wohl 1870er Jahre

Schenkung 2017

Gegensätze ziehen sich an, heißt es so schön im Volksmund. Kein anderes Jahrhundert als das 19. zeigte sich in traditionellen Werten und fortschreitender Wissenschaft und Technik widersprüchlicher. Ob nun auf dem Kontinent oder dem British Empire, die Menschen Europas einte ein Alltag der Kontroversen. Auch gekrönte Häupter wie die englische Königin Victoria (*1819-†1901) bildeten hierbei keine Ausnahme. Privat zeigte sich die Monarchin durchaus lebhaft mit einer Quintessenz Nonchalance an Ehrlichkeit, zeichnete gerne männliche Akte und sammelte Kunstwerke nackter Gentlemen. Das Viktorianische Zeitalter war also keinesfalls prüde und langweilig, denn „das Leben ist zu wichtig, um es seriös zu nehmen“, so die Meinung des zeitgenössischen irischen Schriftstellers Oscar Wilde (*1854-†1900). Während die schneidigen Militärs säbelrasselnd in Korsetts steckten und des Nachts eine Bartbinde ertrugen, gestatteten sich junge Mädchen die Freiheit mit sportlich leichtem Kleid Rad zu fahren, mit der Gefahr, das Gleichgewicht durch den sittsam mit Blumenarrangements gezierten Hut auf dem Kopf zu verlieren.

Nicht nur die Erzieher und Turnlehrer plädierten für leichte Kleidung und Körperertüchtigung, wie dem plötzlich in Mode kommenden Bad an der See. Auch die Fortschritte der Humanmedizin, die sich den Opfern der Cholera-Epidemien gegenüber sah, schärften den Blick für Körperpflege und Wohlbefinden. Im Streit zwischen Eleganz und Gesundheit ging Königin Viktoria als leuchtendes Beispiel voran. Für eine schmerzfreie Entbindung von ihrem Sohn Prinz Leopold (*1853-†1884) – das vorletzte von neun Kindern – nahm sie die Dienste von John Snow (*1813-†1858) in Anspruch. Als erster Facharzt für Anästhesie betäubte er die Königin mittels Maskennarkose und dem 1831 entdeckten Chloroform. Zum Entsetzen klerikaler Kreise hatte die Landesmutter gegen das göttliche Gebot Genesis 3,16 „Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären“ verstoßen. Dennoch gewann diese als „narcose à la reine“ (franz. Narkose für die Königin) bezeichnete Geburtshilfe schnell an Popularität.

Neben bewährten Hausmitteln bestand gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die begüterte Mittel- und Oberschicht die medizinische Selbstversorgung in einer gut sortierten Haus- und Reiseapotheke. Die hier gezeigte englische Reiseapotheke im Lederkoffer ist beredtes Zeugnis durch den auffallend mannigfaltigen Inhalt. Die unterschiedlich großen Fächer im Inneren beherbergen neben einer Packung Schönheitspflaster, Federkielen für Etikettenbeschriftungen und einer Balkenwaage mit Gewichten zum besseren Dosieren, vornehmlich acht große und vier kleine Flakons aus klarem Gebrauchsglas. Für den erforderlichen luftdichten Verschluss der in Formen geblasenen Behältnisse wurden ausnahmslos eingeschliffene Glasstopfen verwendet, die zusätzlich durch ein Pergament und ein Siegelband überzogen wurden. Die gedruckten und teils handschriftlich ergänzten Papieretiketten gewähren nicht nur Aufschluss über den Inhalt, bestehend aus Pudern, Tinkturen und Pillen, sondern verweisen auch auf den Hersteller. Einschlägige Traditionsunternehmen wie Blake, Sandfort & Blake®, Bradley & Bourdas® oder Savory & Moore® lassen sich hier und dort nachlesen. Diese, oftmals mehrere Filialen unterhaltenden, Apotheken fertigten bewährte Heilmittel nach Rezepturen fremder und eigener Provenienz an. Savory & Moore® etwa, wurde bereits im Jahre 1794 gegründet und wuchs schnell als eingetragenes Warenzeichen heran. Zu dem Gründungsgeschäft gesellten sich um 1876 noch zwei weitere in London und eines in Brighton hinzu. Als „Apotheker der Königin und seiner Königlichen Hoheit des Prinzen von Wales“ wurden jedoch nicht nur Medikamente, sondern auch Kosmetika wie Zahnpulver und Parfums vertrieben. Als Monarchin des British Empire hatte Königin Victoria – die zeitlebens eine robuste Gesundheit ihr Eigen nannte – sicher wenig Zeit, das reichhaltige Angebot der Apotheken ihres Reiches zu würdigen, umso mehr sich ihrer Landeskinder anzunehmen. Nicht umsonst schrieb sie einst die Zeilen: „Will eigenes Leid zu sehr Dein Herz bedrücken, dann lass Dein Aug´ auf fremdes Leid nur blicken; so trefflich kann dich nichts vergessen lehren, als das Bemühen, fremdes Leid zu wehren.“

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 04.10. bis 01.11.2017; HINWEIS: Der Lederkoffer und weitere Zubehörteile werden im Rahmen der Präsentation nicht gezeigt!

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

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September 2017 – Von fantasievollen und ästhetischen Pirouetten

Das Seifen-Ballett des Konsum Seifenwerkes Riesa®

Seifen-Präsent-Set „Ballett“®; Konsum Seifenwerk Riesa®, Riesa/ Deutsche Demokratische Republik, um 1960

Sammlung Monika Jürgens-Winefeld/ Schenkung 2016

„Das Schwere am Tanzen ist, das Schöne des Tanzens so zu zeigen, dass das Schöne des Tanzens nicht schwer aussieht.“ Dieses anonyme Zitat lässt mit Fantasie so manche Primaballerina (ital., führende Tänzerin eines klassischen Ballettensembles) vor dem geistigen Auge erstehen, die mühelos und voller Grazie in Pirouetten über den Boden zu schweben scheint, als besäße das Naturgesetz der Schwerkraft für sie keine Gültigkeit. Doch die Bilder vollendet geformter Frauenbeine und abstehendem Tutu (Rock aus mehreren Schichten von Tüll, teils mit Draht versteift) trügen. Das ursprüngliche Ballett, welches sich im 16. und 17. Jahrhundert in Europa zu etablieren suchte, war alles andere als eine Frauendomäne. Ähnlich dem Schauspiel oder dem noch jungen Genre der Oper gaben die Männer den Ton an, allen voran Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. (*1638-†1715). Als kunstsinniger Monarch und wohl bester Tänzer seiner Zeit, schuf er sozusagen in erster Amtshandlung nach seiner Machtergreifung im Jahre 1661 die Académie Royale de Danse (franz. Königliche Akademie des Tanzes) in Paris. Tanzen schmeichelte schließlich nicht nur dem Auge, sondern auch der Figur und diente der sportlichen Körperertüchtigung. Noch im 19. Jahrhundert tanzte „Mann“ Ballett sogar im militärischen Felde, um etwa den Rücken durch das stete Reiten zu stärken oder den Gleichgewichtssinn zu trainieren.

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Edgar Degas (*1834-†1917) mit leichtem Pinselstrich so manche Attitude auf Papier und Leinwand bannte, hatte sich das aufblühende Klassische Ballett längst neuformiert. In den unzähligen Theatern der Seine-Metropole fand das französische Maler-, Grafik- und Bildhauertalent schließlich eine seiner prominentesten Inspirationsquellen: Balletttänzerinnen. Weit über 200 seiner Werke widmeten sich dem Thema des Balletts, wobei nicht die große Pose des Auftrittes im Vordergrund stand. Vielmehr beschränkte sich Degas auf Momentaufnahmen hinter den Kulissen, welche die Tänzerinnen während der Probe, des Ausruhens oder in der Vorbereitung auf den Publikumskontakt zeigten. Im Gegensatz zu den impressionistischen Malerkollegen lehnte Degas die Freilichtmalerei ab. Stattdessen maß er dem Zeichnen oder Malen aus dem Gedächtnis größere Bedeutung bei. Die auf diese Weise freigesetzte Fantasie verband er in seinem Atelier lediglich mit Modellen oder vor Ort erstellten Skizzen zu einem Ganzen.

Auch in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde Fantasie großgeschrieben. Anlass boten zum Beispiel wirtschaftliche Gründe, waren doch geeignete Rohstoffe oftmals knapp, die zum Teil teuer importiert werden mussten. Dementsprechend war die Staatsführung auch neben der Devisenbeschaffung daran interessiert, entsprechende Geldsummen aus der Bevölkerung abzuschöpfen. Das Konsum Seifenwerk Riesa® deckte nicht nur rund 80% des inländischen Seifenbedarfs, sondern wartete mit kreativen Produkten auf, die von Seifen für kleine Kinderhände bis hin zu Luxusartikeln für Präsent-Sets reichte. In den 1980er Jahren – der Blütezeit des Werkes – produzierten etwa 500 Werktätige jährlich an die 20.000 Tonnen Seife.

Dass im Werk nicht nur produktionsbedingt „Ballett gemacht“ wurde, demonstriert dieses markante Präsent-Set. Ob Umverpackung oder die drei innenliegenden Seifenstücke: sie alle eint der schwanenhafte Tanz der Ballerinen vor rotfarbenem Hintergrund. Auch die „Riesaer Seifenkatze“ durfte auf der Verpackung nicht fehlen. Bereits seit den 1950ern stand das schwarz-weiße Reinlichkeitstier mit schlafendem und wachendem Auge für die Produkte aus Riesa, als wollte es zu jeder Tages- und Nachtzeit über die Schönheit wachen. In der Tat stellte die „Ballett“®-Seife ein ausgewiesenes Schönheitsprodukt dar. Angereichert mit Lanolin und Hamamelis besaß ein Seifenstück im Einzelhandel bereits einen Wert von 1,20 Mark (ein Brötchen kostete im Vergleich 0,05 Mark). Inwiefern die Häufigkeit und generelle Anwendung des sächsischen Fabrikats zur Schönheit des werktätigen Teints beitrug, lässt sich heute nur schwerlich ermessen. Edgar Degas hätte zumindest die Nutzung honoriert, denn „eine Frau ist mit zwölf eine Skizze, mit fünfzehn eine Zeichnung, mit achtzehn malt sie selbst, und mit zwanzig stellt sie sich aus. Aber wie alt sie auch sein mag, ein Stillleben wird sie nie“.

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 01.09. bis 03.10.2017

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Wissenswertes: In seinem Spätwerk wendete sich Edgar Degas vor allem der Fotografie und Skulptur zu, da sein nachlassendes Augenlicht ihn zu Erblinden drohte. Gepflegt von seiner Nichte, verstarb er am 27. September 1917 an einer Hirnblutung. Der Todestag des Künstlers jährt sich damit im Jahr 2017 zum 100. Male.

Bereits im Jahre 1909 wurde die Seifenfabrik Riesa-Gröba® als Tochter der Großeinkaufs – Gesellschaft Deutscher Consumvereine® (GEG) gegründet. In der Deutschen Demokratischen Republik wurde das Seifenwerk unter dem Verband der Konsumgenossenschaften® erfolgreich fortgeführt. Im Jahre 1992 übernahm die Firma M. Kappus GmbH & Co. KG® das Seifenwerk, welches zu diesem Zeitpunkt bereits als GmbH firmierte. Mit dieser deutsch-deutschen Vereinigung zählt das traditionsbewusste Unternehmen laut eigenen Angaben heute zum größten Seifenhersteller in Mittel- und Westeuropa.

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Archiv

Dem Dunkel entwachsen, dem Lichte zum Spiele

Der Wald als Ursprung des thüringisch-fränkischen Glases

17.Mai 2015 bis 27.September 2015 – VERLÄNGERT bis 22. Mai 2016

Wein-Römer; niederländisch oder deutsch, 1. Hälfte 18. Jahrhundert

Der Wald – dunkel und geheimnisumwittert. Für Menschen seit jeher ein Ort der Angst, Gefahr, aber auch des Spiritualismus und Lebens. Wie kaum eine andere Region, lebt die thüringisch-fränkische Region mit und durch seine waldreichen Gebiete. Als Überlebensraum bot der Wald in der Vergangenheit den ansässigen Menschen Arbeit und somit eine Existenzgrundlage, deren Nachwirkungen auch heute noch zu spüren sind – gerade im Bereich des Glases.

Mit seiner neuen Sonderausstellung reflektiert das Europäische Flakonglasmuseum die Entwicklungen, welche zur Entstehung der regionalen Glasindustrie aus ökonomischer und ökologischer Sicht beitrugen. Die Ausbildung des Waldglases, das bereits durch seine Namensgebung eng mit dem Lebensraum Wald verbunden ist, bildet hierbei einen markanten Schwerpunkt. Dieses grünfarbene Glas zierte bis in das 19. Jahrhundert hinein fürstliche Tafeln, galt es doch in Anerkennung seiner meisterhaften Ausführung als Luxusgut. Ungeachtet der Kunstfertigkeit der Glasmacher, schufen die mit dem Wald eng verbundenen Berufe des Holzfällers, Köhlers und Pottaschensieders eine verkettete Basis, welche die Glasherstellung erst erlaubte. Wie reichhaltig und wirtschaftlich strukturiert die vorindustrielle Glasproduktion in der thüringisch-fränkischen Region war, belegen schließlich archäologische Ausgrabungen von Kohlenmeilern und Waldglashütten, bis hin zu fragmentarischen, aber dennoch aufschlussreichen Bodenfunden, die nicht nur aus Glas bestehen. Die Ausstellung präsentiert mit gut 95% hochrangige Leihobjekte anderer Museen, Vereine und Privatpersonen, die einen Querschnitt in der Entwicklung höfischer Prachtentfaltung, bis hin zu alltäglichen Gebrauchsgütern und Werkzeugen der Handwerker bieten. Ein lehrreicher Film veranschaulicht im einzelnen den Aufbau eines Kohlenmeilers, dessen Wirkungsweise und die abschließende „Ernte“ der Holzkohle sowie deren Zusammenhang mit dem Werkstoff Glas.

In Kooperation mit den Bayerischen Staatsforsten wurde in einem Waldstück, in der Nähe des Museums, ein historischer Köhlerpfad mit drei nachgewiesenen Kohlenmeilerstellen erschlossen, die im Zuge der Sonderausstellung selbstständig vom Museumsbesucher in Augenschein genommen werden können.

Gehen Sie mit uns auf Spurensuche und bringen Licht in das Dunkel, um die Geheimnisse des Waldes zu entschlüsseln!

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Fotonachweise
Dr. Ratomir Radomirowic/ Sandro Welsch:
Wein-Römer; niederländisch oder deutsch, 1. Hälfte 18. Jahrhundert; Ankauf 2015
Gerhard Fleischmann:
Diplom-Restaurator Sandro Welsch (links) informierte über die Ausstellungskonzeption. Mit im Bild (von rechts) Kurt Jacob, Gerhard Walther, Wolfgang Hammerschmidt (2. Vorsitzender der Glasbewahrer) sowie Angela Wiegand.

Eröffnung
Anlässlich des Internationalen Museumstages am 17. Mai 2015

Ausstellungsgestaltung
Ute Schaller, Sandro Welsch

Kuratorium/ Wissenschaftliche Erarbeitung
Jana Lisa Buhrow, Ute Schaller, Sandro Welsch, Gerhard Walther, Thomas Schwämmlein, Kurt Jacob

Ausstellungstechnik
Jan Wiedemann, Frank Stärker, Enrico Hoppe, Friedrich Treuner, Jens Michaelis

Konservierung/ Restaurierung
Sandro Welsch

Philatelie
Zur Ausstellung erscheint in geringer Auflage eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post AG. Die Briefmarke kann lediglich über das Europäische Flakonglasmuseum bezogen werden. HINWEIS: Es sind nur noch wenige Exemplare verfügbar! Nutzen Sie bitte für Anfragen folgende E-Mail-Anschrift museum@glasbewahrer.de
HINWEIS: Es sind nur noch wenige Exemplare verfügbar!

Audiotour
Eine Audiotour durch die Sonderausstellung wird dieses Mal nicht angeboten.

Leihgeber
Kunstsammlungen der Veste Coburg/ Coburg
www.kunstsammlungen-coburg.de
Museum für Glaskunst Lauscha/ Lauscha
www.glasmuseum-lauscha.de
Duftmuseum im Farina-Haus/ Köln
www.farina.org/duftmuseum
Alte Schäferei, Gerätemuseum des Coburger Landes/ Ahorn
www.geraetemuseum-ahorn.de
Geschichts- und Köhlerverein Mengersgereuth-Hämmern/ Mengersgereuth-Hämmern Private Leihgeber

Gefördert durch
Heinz-Glas GmbH & Co. KGaA/ Kleintettau
www.heinz-glas.com/de
Carl-August Heinz Stiftung/ Kleintettau
Glasbewahrer am Rennsteig e.V./ Kleintettau
www.glasbewahrer.de
Förderkreis des Museums für Glaskunst Lauscha e.V./ Lauscha
www.glas-in-lauscha.de

Mit Unterstützung von
Forstbetrieb Rothenkirchen der Bayerischen Staatsforsten/ Rothenkirchen; Thomas Schwämmlein/ Kreisheimatpfleger des Landkreises Sonneberg; Geschichts- und Köhlerverein Mengersgereuth-Hämmern/ Mengersgereuth-Hämmern; Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kulmbach/ Kulmbach; Dr. Stefan Zimmermann/ Wiesbaden

Medienpartner
Filmstudio Sirius/ Meura
www.filmstudio-sirius.de
VHS Kronach/ Kronach
www.vhs-kronach.de/beruf/edv-für-kinder/dem-dunkel-entwachsen,-dem-lichte-zum-spiele-YTE304/

Pressemeldungen
Fränkischer Tag
www.infranken.de/regional/kronach/Spannende-Einblicke-in-die-Geschichte;art219,1054977

 

Die Wiederentdeckung vergessener Pflegekultur

Der Sammlungsbestand des Europäischen Flakonglasmuseums und seine wissenschaftliche Aufarbeitung und Erweiterung

18. Mai 2014 bis 30. September 2014 – VERLÄNGERT bis 26. April 2015

Die neue Sonderausstellung des Europäischen Flakonglasmuseums wirft einen Blick hinter die Kulissen der Museumsarbeit und beleuchtet dabei die verschiedenen Aspekte des Sammelns. Eröffnet am Internationalem Museumstag, folgt sie dem diesjährigen Motto “Sammeln verbindet – Museum Collections make Connections”.

Beginnend mit der Frage wie, warum und was das Europäische Flakonglasmuseum sammelt, erfährt der Besucher in verschiedenen Ausstellungseinheiten, welche Arbeitsabläufe notwendig sind für die wissenschaftliche, dokumentarische Aufarbeitung und Inventarisation der Sammlungsbestände. Dabei werden Einblicke in museumstypische Berufsbilder wie das des Kunsthistorikers oder Restaurators gegeben.

Gezeigt werden Ankäufe, Stiftungen und Schenkungen, die seit 2008 den Sammlungsbestand des Museums bereichert haben, aber in den Ausstellungen bisher noch nicht gezeigt wurden. Die verschiedenen Aspekte des Sammelns nach lokalhistorischen, ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten wie z. B. nach Größen, Limitierungen und Verpackungsdesign werden veranschaulicht. Die Geschichte der Odolflasche in Ost- und Westdeutschland, die Pflegeutensilien eines Reisenden um 1900 oder filigrane Flakonkreationen aus den 1930er Jahren aus Lauscha inklusive eines zeitgenössischen Produktkatalogs sind Beispiele für die Vielfalt an Sammler-Themen. Tauchen Sie ein in die Welt des Sammelns und nehmen die Neuerwerbungen des Europäischen Flakonglasmuseums in Augenschein!

Kinder können erstmalig anhand eines Kinder-Audioguides eigenständig verschiedene Ausstellungsbereiche erkunden und lernen einiges über das Sammeln und die Arbeit in einem Museum. Mit dem Glasmacher-Heinzelmännchen gehen sie auf eine spannende Entdeckungsreise.

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Studenten analysieren die Region

Von Hannah Seiß

Studenten analysieren die Region – Die Ergebnisse ihrer Arbeit münden in die Ausstellung „Made in Tettau“. Sie zeigt Defizite und Potenziale des Kreises auf. Zu sehen ist sie bis Mai im Glasmuseum.

Tettau – Der 2. Vorsitzende der Glasbewahrer am Rennsteig, Wolfgang Hammerschmidt, der amtierende Bürgermeister Peter Ebertsch und der ehemalige Bürgermeister Hans Kaufmann haben am Donnerstag die Ausstellung „Made in Tettau“ im Glasmuseum eröffnet.

Sie hat eine Analyse der Region zum Inhalt, die im Vorjahr von Studenten der „Nachhaltigen Entwicklung von Stadt und Land“ der Technischen Universität München durchgeführt wurde. Im Rahmen des Projekts recherchierten sie vor Ort, nahmen Kontakt zu Bewohnern der Tettauer Region auf und setzten sich intensiv mit dem Ort auseinander. Anhand der gesammelten Daten über Fähigkeiten, Strukturen und lokales Wissen arbeiteten sie die Defizite und Potenziale des Kreises heraus. Danach erstellten die Studenten Strategien für die weitere nachhaltige Entwicklung und Förderung. Besonderer Fokus liegt dabei auf der Erschließung der Ressource Holz, dem Ausbau des Tourismus, den Baustrukturen sowie der Produktion von Porzellan und Glas.

 

Neutrale Untersuchung

„Die Studenten konnten als Außenstehende die Analyse ganz unvoreingenommen erstellen“, erklärte Kaufmann. Der Blick von Außen ermögliche eine präzise Einschätzung des Ortes und bringe neue Ideen auf. Eine realistische Einschätzung der Lage und ein guter Plan seien extrem wichtig, schloss sich Ebertsch an. Schließlich müsse man an den richtigen Stellen investieren, um die Region voranzubringen. Einen besonderen Stellenwert habe dabei der Ausbau der Verkehrsanbindung und die Schaffung von attraktivem Wohnraum.

„Aber wir Tettauer können stolz sein“, betonte Ebertsch. Die wichtigen Dinge seien schon vorangebracht worden und die Region sei auf einem guten Weg. Man müsse vor allem weiterhin daran arbeiten, ein Netzwerk zu erstellen, um neue Ideen zu finden und zu verwirklichen. Dank gelte den Glasbewahrern und dem Glasmuseum für die Bereitstellung der Räume für die Ausstellung. „Wir unterstützen das Projekt gerne“, so Hammerschmidt. Es sei wichtig, dass die Gemeinde aktiv ist, um eine Entwicklung voranzubringen. Noch bis Mitte Mai werden die Ergebnisse der Studie im Rahmen der Ausstellung „Made in Tettau“ auf 17 Infotafeln und anhand eines Ortsmodells von Tettau präsentiert. Die Ausstellung kann zu den Öffnungszeiten des Glasmuseums besichtigt werden.

 

 Ausstellung „Made in Tettau“ zeigt Chancen auf

Im Europäischen Flakon-Glasmuseum in Kleintettau ist bis Mai eine Sonderausstellung zu sehen. Bei „Made in Tettau“ handelt es sich um Entwicklungschancen einer Gemeinde aus wissenschaftlicher Sicht.

„Parfümflakons – eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert“ Eine Neukonzeption mit weihnachtlichem Flair!

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KLEINTETTAU – Die Dauer-Ausstellung „Parfümflakons – im Zeitraffer durch das 20. Jahrhun-dert“ mit bedeutenden Werken aus der renommierten Sammlung von Beatrice Frankl ist eines der vielen Highlights im Europäischen Flakonglasmuseum in Kleintettau. Weiterlesen…

Die Grenze um Tettau

Willi Kaufmann präsentiert im Europäischen Flakonglasmuseum die Ausstellung „Bewacher der Grenze“

In einer Sonderausstellung erinnern die „Glasbewahrer“ im Kleintettauer Flakonglasmuseum an ein unseliges Stück der deutsch-deutschen Geschichte. Bis voraussichtlich August präsentiert der Tettauer Willi Kaufmann seine bedrückende Dokumentation „Bewacher der Grenze“, die von Ute Schaller konzipiert wurde. Schließlich erlebte der Landkreis Kronach, nach 1945 von einem 102 Kilometer langen Stacheldrahtzaun regelrecht eingeschnürt, das  Nachkriegsdrama in besonderer Weise. Immer wieder war es zu schlimmen Szenen an der Demarkationslinie bei unterschiedlichsten Fluchtversuchen gekommen. Die gesamtdeutsche Bilanz ist

erschreckend. Viele hundert Menschen wurden entlang der 1400 Kilometer langen Grenze bei  Fluchtversuchen getötet. Die Grenzbefestigungen wurden durch die DDR im Laufe der Zeit immer weiter und effizienter ausgebaut. Minenfelder, Hundelauf-Anlagen, Schießbefehle und Selbstschussanlagen erschwerten ganz erheblich die Flucht in den Westen.

Jahrzehnte hatte der mittlerweile 90-jährige Willi Kaufmann die innerdeutsche Grenze direkt vor Augen. Seine Ausstellung, so der Initiator, solle mit dazu beitragen, dass die Zeit der Teilung Deutschlands nicht vergessen wird. Der Tettauer zeigt in seinen 150 Bildern

und Dokumenten sowie Zeitungen den Einsatz von Bayerischer Grenzpolizei, Zoll, Bundesgrenzschutz und amerikanischer Besatzungsmacht zwischen 1945 und 1990. Er selbst stand nach dem Zweiten Weltkrieg zwölf Jahre als Grenzpolizist und später als Landpolizist an der Grenze bei Tettau, war dann 20 Jahre bei der Passkontrolle in Ludwigsstadt beschäftigt.

„Das war eine Schicksal trächtige Zeit, in der ich den ganzen Wahnsinn mit erlebt habe.“ Jede Menge Geschichten könne er erzählen – von Menschen und deren Schicksalen, die mit der Teilung Deutschlands verbunden sind. Waren die Anfangsjahre nach der Teilung des Landes in Grenznähe noch von eher menschlichen Geschichten geprägt, so änderte sich das mit Stacheldraht und Minenfeldern nach 1960 dramatisch. „Die Russen“, erinnerte sich Kaufmann, „waren noch Ende der 40er-Jahre regelmäßig auf den Wildberg bei Tettau zum Kegeln gekommen. Hier trafen sich auch die Menschen beider deutscher Staaten, wenn es am Freitag nach der Arbeit Lohn gab und gemeinsam gefeiert wurde.“ Fast 60 Leute aus der DDR hatten damals in Tettau und Umgebung gearbeitet und waren jeden Tag über die Grenze gekommen. Bei Tettau, sagte Kaufmann, habe es viele Flüchtlinge geben, weil hier die Gegend waldreich ist und die Grenze schwer einsehbar war.
Zwischen Heinersdorf und Probstzella waren am Eisernen Vorhang 17 Menschen bei Grenzübertritten erschossen worden. „Mit Skiern kamen die DDR-Leute oftmals bei Nacht

und kletterten über den Grenzzaun.“ Als Willi Kaufmann bei der Passkontrolle war, hatten die Beamten auch einmal vier Menschen auf einem Gepäckwagen, verpackt in Kartons, entdeckt.
Für die Ausstellung hat der Tettauer aussagestarkes Material  zusammengetragen. Die Fotos zeugen unter anderem von Sicherungsmaßnahmen an der deutsch-deutschen Grenze und von den Besuchen prominenter Politiker. Willi Kaufmann hofft, dass möglichst viele Menschen sich mit  dieser Thematik befassen.

Sparkassen-Repräsentant Peter Ebertsch – von 1978 bis 1991 beim Zoll – ist beim Anblick der Bilder besonders berührt, denn sie erinnern an den kaum mehr nachvollziehbaren Wahnsinn. „Das war manchmal wie ein Alptraum.“ Als eine tolle Sache empfinden die beiden Vorstände der Glasbewahrer, Carl-August Heinz und Wolfgang Hammerschmidt, diese Dokumentation. Sie trage dazu bei, dass diese ehemals mörderische Grenze bei den Menschen, insbesondere bei den jungen Leuten, nicht in Vergessenheit gerät.

Gerd Fleischmann

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Der 90-jährige Willi Kaufmann (vorne im Bild) erläuterte beider Ausstellungseröffnung im Kleintettauer Flakon-Glasmuseum seine Grenzdokumente.

Sonderausstellung: Weihnachten wie zu Kaisers Zeiten

Von Gerd Fleischmann
Kleintettau – Die am 8.11.2012 eröffnete Sonderausstellung im Europäischen Flakonglasmuseum  unter dem vielversprechenden Motto „Weihnachten wie zu Kaisers Zeiten“ gleicht einer zauberhaften Reise in die Anfänge der Christbaumkugeln aus Glas, die einst ab 1848 im thüringischen Lauscha unter schwierigsten Bedingungen hergestellt wurden. Schon in den Anfängen bewiesen die Lauschaer eine bemerkenswerte Geschicklichkeit und Kreativität bezüglich von Farben und Formen. Alle Besucher zeigten sich bei der Auftaktveranstaltung in Kleintettau von den dekorativen Elementen des Baumschmucks seit gut 160 Jahren beeindruckt.
Der Inhaberin der Greiner-Mai GmbH „Der Christbaum“ mit Sitz in Neuhaus am Rennweg, Ines Zetzmann, ist es zu verdanken, dass nun bis voraussichtlich Februar nächsten Jahres außergewöhnliche Exponate – seien es die Glaskugeln, Christbäume oder aber die handwerklichen Gerätschaften aus uralter Zeit – bewundert werden können. Die Thüringerin (Jahrgang 1964) hat weder Zeit noch Geld gescheut, in den letzten 30 Jahren alles Wesentliche zu diesem Thema zu sammeln. Herausgekommen ist ein eindrucksvolles Ergebnis an historisch hochinteressanten Exponaten. Immerhin lasse sich der Stammbaum bis 1435 zurückverfolgen. Bereits in der sechsten Generation fertige man die gläsernen Kostbarkeiten zur Weihnachtszeit, verriet sie dem interessierten Publikum.
Ines Zetzmann: „Unser Ziel ist es, Weihnachten auch für unsere Kinder und Kindeskinder so zu erhalten, wie wir es aus unserer Kindheit sowie aus Geschichten und Erzählungen kennen. Es geschieht einmal im Jahr, dass wir uns in eine alte Tradition neu verlieben. Wenn am Heiligabend der Weihnachtsbaum endlich leuchtet, dann kehren sie zurück, die verloren geglaubten Gefühle aus unserer Kindheit.“ Das Ergebnis seien Staunen und  eine wohlige Geborgenheit. Und diese Gefühle übertrugen sich auch ganz spontan auf die Besucher bei der Ausstellungseröffnung mit etwa einhundert Interessenten. Ein idealer Gegenpol zum tristen Novemberwetter, so der allgemeine Tenor.
Überrascht nahm man zur Kenntnis, dass Kaiser Wilhelm I. maßgeblich am deutschen Christbaumwunder beteiligt war. Nach dem deutsch-französischem Krieg ließ er am 24. Dezember 1870 in Versailles einen geschmückten Christbaum aufstellen. Damit sei der patriotische Christbaumschmuck geboren worden, denn schließlich war dieser Baum in den Nationalfarben schwarz, weiß (silber) und rot geschmückt. Neben den üblichen Figuren hätten auch militärische Formen wie Trommeln oder Schiffe ihren Platz am Weihnachtsbaum eingenommen, verriet Ines Zetzmann.
Bürgermeister Hans Kaufmann, der sich kritisch zu Plastikkugeln und zu den Plastikbäumen äußerte, hob die Vorzüge der Glaskugeln hervor, die ganz einfach Gefühle vermitteln. Das Gemeindeoberhaupt würdigte den Einsatz von Ines Zetzmann und Willi Greiner-Mai für ihr museales Engagement. Der Vorsitzende des Glasbewahrervereins, Carl-August Heinz, geriet gar ins Schwärmen, als er von Kinderträumen und zeitlosen Klassikern sprach. Dabei erinnerte der Unternehmer auch an die bedeutende Rolle der englischen Königin Victoria (1819-1901), die eine leidenschaftliche Verehrerin des Christbaumschmucks aus Lauscha war. Das Zusammenspiel der Menschen links und rechts des Rennsteigs sei außerordentlich erfreulich, so  Carl-August Heinz abschließend.
Die wohlige und urgemütliche Atmosphäre im Ausstellungsbereich sorgte bei den Besuchern für Hochstimmung. Willi Greiner-Mai führte aus, dass mit Beginn der Lampenglasbläserei um 1760 eine regionale Spezialisierung in der Glasherstellung stattgefunden habe. Der Christbaumschmuckbläser Christian Günter Greiner-Mai, ein direkter Vorfahre seiner Familie, gelte als einer der Mitbegründer der Lauschaer Glaskunst. Er habe bereits 1830 kleine Glasfrüchte für die Schmuckherstellung angefertigt. Daraus sei nachweislich der weltbekannte Christbaumschmuck aus Lauscha im Jahre 1848 entstanden. Im Jahre 1995 sei man aus Platzgründen nach Neuhaus am Rennweg umgezogen.

Öffnungszeiten des Flakon-Glasmuseums: Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 17 Uhr, samstags von 10 bis 16 Uhr. Jeden ersten Samstag im Monat finden von 12 bis 15 Uhr Halbautomaten-Vorführungen am Hafenofen statt. An Sonn- und Feiertagen nur für angemeldete Gruppen ab zehn Personen.

Der Vorsitzende der Glasbewahrer, Carl-August Heinz (links), hatte sich im Stil des 19. Jahrhunderts gekleidet. Ines Zetzmann und Willi Greiner-Mai erläuterten den sogenannten aristokratischen Christbaum aus der Kaiserzeit von 1870 bis 1918.
Fotos: Gerd Fleischmann

Museumsführerin Meltem Elkol schlüpfte in die Rolle einer Glasbläserin aus der Zeit um 1900. Am Arbeitstisch sind zu sehen Gasbrenner, Glasrohlinge, Formenzange, Keramikformen sowie geblasene Formkugeln.

Drei Glashütten präsentieren sich in einer Sonderausstellung

Glas vom Rennsteig mit Heinz-Glas, Gerresheimer Glas und Wiegand-Glas
Von Gerd Fleischmann

Kleintettau – Eine außergewöhnliche Sonderausstellung präsentiert der Glasbewahrerverein am Rennsteig seit gestrigen Freitag: Heinz-Glas, Gerresheimer Glas und Wiegand-Glas stellen einen Teil ihrer Produkte sowie ihre Geschichte in Kurzform der Öffentlichkeit vor. Die drei Glasriesen, die immerhin 1700 Arbeitsplätze im Landkreisnorden stellen und sich vor allem in den Nachkriegsjahren durch stete Innovation und Expansion international einen Namen gemacht haben, zeigen mit dieser Dokumentation im täglichen Kampf ums Überleben gemeinsam Flagge. Weiterlesen…

Sonderausstellung ERDE

Glas trägt Franken um die Welt

Das Europäische Flakonglasmuseum in Kleintettau zeigt eine neue Ausstellung. Die Schau belegt anhand von Exponaten die weltweite Verbreitung fränkischer Handwerkskunst.

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Sonderausstellung: Faszination Glas und Gold am Rennsteig

Im Europäischen Flakon-Glasmuseum in Kleintettau ist ab Samstag, 11. Dezember 2010, die Schau „Glas & Gold“ zu sehen. Die Präsentation erfolgt durch die Gold- und Silberschmiedemeisterin Linda Klostermann aus Tettau.
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Sonderausstellung: Besonderes Glas und Porzellan in Kleintettau

Porzellan, das an den Kreml und an den Prinz von Malaysia ausgeliefert wurde, antike Glasartikel, modernes Porzellan, Künstlersortimente, Friedrich der Große und die Tänzerin Funny Elßler als Porzellanfiguren, das und vieles mehr kann seit Ende März im Europäischen Glasmuseum besichtigt werden. Weiterlesen…