September 2016 – Von bombastischer Theorie und praktischer Quacksalberei

Die Thüringer Olitäten als Volksmedizin

Olitäten-Flakon „Aechte Augsburger Lebens-Essenz“; unbekannter Hersteller, Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt/ Deutschland, um 1900

Olitäten-Flakon „Aechte Augsburger Lebens-Essenz“; unbekannter Hersteller, Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt/ Deutschland, um 1900

Sammlung Wilfried Kohl/ Schenkung 2016

„Die es gut meinen, das sind die schlimmsten!“ Mit diesen Worte ließ der im schweizerischen Egg geborene Theophrastus Bombastus von Hohenheim (*vermutlich 1492-†1541) seinem Ärger freien Lauf. Der unter dem Pseudonym Paracelsus praktizierende Arzt und Alchemist bezog sich dabei wohl auf seine weniger der Praxis, als mehr den Büchern zugeneigten Fachkollegen. Doch genau diese Praxis mit ihren empirisch aufgebauten Werten als auch die Betrachtungen des Makrokosmos, in welchem der Mensch nur eine untergeordnete Rolle spielte, waren für ihn und seine Lehre aus Natur- und Gotteserkenntnis stimmig. Vielleicht war auch das ein Grund für den promovierten Arzt, seine medizinischen Ansichten unabhängig seiner schriftlichen Veröffentlichungen durch Wanderschaft unter das Volk zu bringen.

Doch nicht jeder sah sich seinerzeit finanziell in der Lage, die Dienste eines ausgebildeten Arztes in Anspruch zu nehmen. Vor allem die in abgelegenen Gegenden lebende Landbevölkerung griff deshalb gerne auf die Dienste eines Heilkundlers oder Olitätenhändlers zurück. Olitäten (oleum = lat. das Öl), also flüssige, pulver-, pillen- und salbenförmige Volksarzneien, wurden seit dem 16. Jahrhundert auch im Thüringer Raum, allem voran im schwarzburg-rudolstädtischen Amt Königssee hergestellt. Lassen sich die unzähligen Elixiere, Tinkturen und Mixturen zum Teil auf Paracelsus zurückführen, trug deren Wirkung und geheime Zusammensetzung zuweilen ominöse Züge. In der Regel bestanden die „Universalbalsame“ und „Lebenselixiere“ jedoch aus heimischen Wald- und Gebirgskräutern, angereichert durch Beimengungen von tierischen und mineralischen Stoffen. Abgefüllt in Flakons der umliegenden Glashütten und gut verpackt in Spanschachteln, boten die Buckelapotheker ihre Waren bis nach Österreich, Polen oder den Niederlanden feil.

Aus der Fremde brachten sie neue Rezepte mit, wie die von Dr. Johann Georg Kiesow (*1718-†1786) erfundene Augsburger Lebens-Essenz, die bei „… verdorbenen Magen und allen Krankheiten, die aus demselben entstehen…“ half. An dem europaweiten Erfolg Kiesows gedachten die „sächsischen Königseer“ anzuknüpfen. Ihr Plagiat gaben sie gleichfalls in einen Vierkant-Flakon; mit geprägter Aufschrift „LEBENS-ESSENS“ – dabei allerdings mit einem „s“ anstatt mit einem „z“ geschrieben. Die Vorderseite versahen sie mit einem Papieretikett, das die wahre Herkunft aus dem Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt nicht verleugnete. Bei dem aufgedruckten Doppeladler handelte es sich aber nicht um den fürstlichen, sondern um eine kaiserliche Version, welcher lediglich der Reichsapfel in der linken Klaue fehlte. Ein bedeutendes Detail, denn Kiesow durfte vermutlich nur aufgrund des allerhöchst erteilten Privilegs von der kaiserlichen Insignie Gebrauch machen. Diesem Treiben konnten aber auch staatliche Einfuhrverbote nichts entgegensetzen, schließlich florierte allerorten der Olitätenhandel bis in das beginnende 20. Jahrhundert hinein.

Dass nicht alle Produkte dieses Gewerbezweiges einer vollen Genesung abträglich waren, zeigt sich am Beispiel der gegen Syphilis eingesetzten Quecksilbersalben, welche die Olitätenhändler bzw. Quacksalber – daher wohl die „Berufsbezeichnung“ – gleichfalls vertrieben. Der Rechtsgelehrte und Zeitgenosse von Paracelsus, Sebastian Brant (*1457 oder 1458-†1521), formulierte treffend: „Des Quacksalbers Praktik sei so gut, dass sie allen Siechtum heilen tut… Solch Narr kann dich in’n Abgrund stürzen, eh Du’s gemerkt, dein Leben kürzen!“…

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 01.09. bis 30.09.2016

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Ausblick: Präsentation in der Dauerausstellung – Technikgeschichte – Olitätenhandel

Wissenswertes: Paracelsus, dessen Todestag sich 2016 zum 475. Male jährt, starb am 24. September 1541 vermutlich an einer Vergiftung durch Quecksilber, das in der damaligen Alchemie gebräuchlich war. Seine Lehren lebten in den nachfolgenden Generationen von Ärzten und Heilkundigen bis auf den heutigen Tag weiter. Im Jahre 1904 kam Paracelsus durch seinen Taufnamen Theophrastus Bombastus von Hohenheim zu besonderen Ehren, indem er für die neugegründeten Bambastus-Werke KG® im sächsischen Freital als Namenspate fungierte. Eine Wahl, der sich der Hersteller durch seine Naturprodukte bis heute verpflichtet fühlt.

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