Archiv des Autors: sandro

Juni 2018 – Von hellenistischen und sozialistischen Begehrlichkeiten

Oder das „Alt-Griechisch-Lavendel“® des Günter Habedank

Parfüm-Pumpzerstäuber „Alt Griechisch Lavendel“®; Marell®, Ostberlin/ Deutsche Demokratische Republik, 1950er/ 60er Jahre

Sammlung Monika Jürgens-Winefeld/ Schenkung 2016

Kein geringerer als der altgriechische Naturforscher und Philosoph Aristoteles (*384-†322 v. Chr.) war sich gewiss, dass “das Auftragen lieblicher Düfte auf das Haupt […] das beste Rezept gegen Krankheiten sei”. Ein Beispiel hierfür sei uns durch den geruchsintensiven Lavendel gegeben, den die Griechen nach der syrischen Stadt Naarda in Nardus benannten. Neben kultischen Zwecken – wie dem geflochtenen Schmuck Götter geweihter Jungfrauen ­– hielt der Lavendel Einzug in die Anfänge der Altertumsmedizin. Gegen Blähungen, Menstruationsbeschwerden und dem Lösen von Schleim, empfahl sich beispielhaft Lavendelwein oder -essig. Duftwässer und pflegende Salben sah man hingegen kritisch. Ein um 550 v. Chr. verabschiedetes Gesetz des athenischen Staatsmannes Solon (* wohl 640-† vermutlich 550 v. Chr.) untersagte insbesondere Männern deren Verwendung. Bedingt durch einen ausgeprägten Körperkult, eroberte jedoch das hellenistische Männerego seine Rechte zurück. Im Gegensatz zu der in der Gesellschaft eher untergeordneten Rolle der Frauen, waren es die Männer, die sich zu den elitärsten Abnehmern griechischer Parfümeure entwickelten sollten.

Eine weit schwierigere Odyssee durchlebte dagegen die Kosmetische Fabrik Marell®, deren Anfänge bereits im Dunkel liegen. So ist lediglich bekannt, dass Günter Habedank (*?-†?) sein Unternehmen in den 1930er Jahren gegründet haben muss. Unklar erscheint weiterhin, ob dies zunächst in Dresden oder bereits im späteren Ostberlin geschah, wo sich nachweislich ab 1955 der Firmensitz in der Zionskirchstraße 33 befand. Den relativ raschen Erfolg verdankte der Inhaber offenbar seinem Fleiß, gut gestreuter Regionalwerbung und einer breiten Produktpalette an Schönheits- und Körperpflege, zu welchen unter anderem ausgewählte Parfüms für Damen wie Herren zählten. Aus dieser Kategorie sticht das im Jahr 1952 lancierte „Alt-Griechisch-Lavendel“® hervor. Der baldige Verkaufsschlager sorgte allerdings nicht nur in der Bevölkerung für Begehrlichkeiten. Spätestens mit der Enteignung des Unternehmens im Jahr 1972 übernahm die sozialistisch geprägte Planwirtschaft der DDR-Regierung das Ruder. Immerhin durfte Günter Habedank in der Funktion eines Betriebsleiters verbleiben und versuchte bis zu seiner Verrentung 1975/ 76 auf die nachfolgenden Entwicklungen seines einstigen Eigentums Einfluss zu nehmen.

Ob im Weiteren noch das Eau de Cologne „Alt-Griechisch-Lavendel“® mit „herb-köstlicher“ Note auf dem “Plan” stand? Wer weiß… schließlich zeichnete sich das Parfüm durch ein kostenintensives Flakon-Design aus transparentem Kobalt-Glas aus. Eine ausgesprochene Steigerung stellt dahingehend ohne Zweifel das hier gezeigte, wohl in den 1950er/ 60er Jahren entstandene Anfangsmodell aus Kryolith-Glas dar. Dieses lichtdurchlässige, aber opake Opalglas, erhält seine Trübung durch Natriumflorid (NaF) und ist in seiner Herstellung recht energieintensiv. Auffällig ist ferner die erfrischende Farbigkeit, die durch eine Handveredelung im Dreiklang von Grün, Gelb und Braun das Auge fordert und mit dem in Siebdrucktechnik ausgeführten, braunfarbenen Schriftzug “Alt Griechisch Lavendel Marell” korrespondiert. Das sich der halbautomatisch gefertigte Flakon in seiner Formensprache als waschechter Grieche outet, liegt sicher nicht nur an dem abgebildeten ionischen Säulenkapitell des Schriftzuges. Auch der ausladende Gefäßbauch erinnert durch seine kugelige Form an altgriechische Vorbilder. Als Hauptexporteur dergleichen Behältnisse für Palm– und Benöl stieg im 6. Jahrhundert vor Christus der im Nildelta gelegene griechische Handelsplatz Naukratis auf. Den Namen Aryballos erhielt die aus Keramik bestehende Flakonart durch einen Verwahrungsbeutel aus Leder. Am Handgelenk des hellenistischen Athleten getragen, war somit jederzeit seine Körperpflege möglich. Es ist kaum vorstellbar, dass Herr Günter Habedank derlei Anwendungsgedanken für sein „Alt-Griechisch-Lavendel“® hegte. Sicherlich wünschte er sich für seine Kunden vornehmlich sommerliche Freuden… Freude an einem formschönen Flakon und einer spritzigen “Erfrischung für heiße Tage”.

Präsentation: Glas-Café, Kleintettau; 04.06. bis 28.06.2018

Künftiger Standort: Sammlungsdepot

Wissenswertes: Sicher nicht nur seiner heilenden Wirkung wegen wurde der Lavendel im Jahr 2008 zur Heilpflanze des Jahres gekürt.

Aber die Pflanze, die einst von den Griechen in ihr heutiges Hauptanbaugebiet in Frankreich gebracht worden sein soll, ist bedroht. Seit Ende der 1980er Jahre kämpfen die dortigen Lavendelbauern gegen ein Bakterium an, das die Pflanze wesentlich schwächt und von einer ca. 2mm großen Zikadenart – den „Cicadelles“ – übertragen wird. Neben der Züchtung resistenter Pflanzenkulturen ruht die Hoffnung der Forscher zwischenzeitlich in der Verwendung von Kaolinit, welches den zunehmend austrocknenden mediterranen Boden beigemischt wird.

Ausblick: Integration in die neue Dauerausstellung zur Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR, im Jahr 2019.

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Tag der offenen Türen in der thüringisch-fränkischen Rennsteigregion

Die Wiederentdeckung vergessener Pflegekultur

Der Sammlungsbestand des Europäischen Flakonglasmuseums und seine wissenschaftliche Aufarbeitung und Erweiterung

18. Mai 2014 bis 30. September 2014 – VERLÄNGERT bis 26. April 2015

Die neue Sonderausstellung des Europäischen Flakonglasmuseums wirft einen Blick hinter die Kulissen der Museumsarbeit und beleuchtet dabei die verschiedenen Aspekte des Sammelns. Eröffnet am Internationalem Museumstag, folgt sie dem diesjährigen Motto “Sammeln verbindet – Museum Collections make Connections”.

Beginnend mit der Frage wie, warum und was das Europäische Flakonglasmuseum sammelt, erfährt der Besucher in verschiedenen Ausstellungseinheiten, welche Arbeitsabläufe notwendig sind für die wissenschaftliche, dokumentarische Aufarbeitung und Inventarisation der Sammlungsbestände. Dabei werden Einblicke in museumstypische Berufsbilder wie das des Kunsthistorikers oder Restaurators gegeben.

Gezeigt werden Ankäufe, Stiftungen und Schenkungen, die seit 2008 den Sammlungsbestand des Museums bereichert haben, aber in den Ausstellungen bisher noch nicht gezeigt wurden. Die verschiedenen Aspekte des Sammelns nach lokalhistorischen, ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten wie z. B. nach Größen, Limitierungen und Verpackungsdesign werden veranschaulicht. Die Geschichte der Odolflasche in Ost- und Westdeutschland, die Pflegeutensilien eines Reisenden um 1900 oder filigrane Flakonkreationen aus den 1930er Jahren aus Lauscha inklusive eines zeitgenössischen Produktkatalogs sind Beispiele für die Vielfalt an Sammler-Themen. Tauchen Sie ein in die Welt des Sammelns und nehmen die Neuerwerbungen des Europäischen Flakonglasmuseums in Augenschein!

Kinder können erstmalig anhand eines Kinder-Audioguides eigenständig verschiedene Ausstellungsbereiche erkunden und lernen einiges über das Sammeln und die Arbeit in einem Museum. Mit dem Glasmacher-Heinzelmännchen gehen sie auf eine spannende Entdeckungsreise.

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